Auf der anderen Seite des Zaunes ist das Gras grüner …

Wir packen die Tochter in die Matschhose. Und dann geht es raus in die Sonne. Nicht wie so häufig ins nahe Feld oder in den Wein, nein, in unseren Hinterhof. Asphaltiert ist der, für jede Wohnung gibt es einen Parkplatz. Und so als kleinen Farbtupfer 12 m² grüne Fläche, die irgendwann von irgendwem einmal nett angelegt worden ist, aber seitdem eher so vor sich hin existiert. In den fünf Jahren, die ich in diesem Haus wohne, haben ich diesen 12m2 wenig Beachtung geschenkt. Bis vor zwei Wochen. Mein erster Tag im Home-Office. Da Pascal eigentlich gerade unsere Tochter in die Krippe eingewöhnt, befindet er sich noch in Elternzeit. Wir sind also zu dritt. Und eigentlich geht es uns ganz gut. Wir sitzen am Tisch, Loni macht gerade Mittagsschlaf und wir spielen Krisenszenarien in unserem Kopf durch. Kommt die Ausgangssperre? Bitte, bitte nicht. Keine Menschen, keine Spielplätze, dass wirkt irgendwie schon wie eine starke Zäsur, dann wenigstens noch raus gehen dürfen. Das Kind muss doch an die frische Luft. Aber es gibt doch die Grünfläche im Hof, fällt meinem Mann ein. Und irgendwie beruhigt das. Dann fällt der Blick durch das Küchenfenster. Wir können aus unserer Küche in den Speiseraum des Pflegeheims meiner Oma schauen. Wir haben sie schon eine Weile nicht besucht und werden es jetzt auch erst einmal unterlassen. Die Sonne scheint und das Pink des Pullis den Oma trägt, während sie mit ein paar anderen auf dem Balkon sitzt und das Gesicht in die Sonne streckt, leuchtet herrlich lebensbejahend farbenfroh. Oh, nur die drüben darf es nicht erwischen. Ja, dass wäre richtig bitter.

Ungefähr zwei Wochen später, also heute, sitzen Pascal und ich auf den grünen 12m2 im Hinterhof. Loni krabbelt, warum auch immer, lieber über den Asphalt. Die Ausgangssperre ist nicht gekommen. Dafür dieses komische Kratzen im Hals und das Gefühl bei körperlichen Anstrengungen ein bisschen schlechter Luft zu bekommen. Wie eine lästige Erkältung, schlimm ist es eigentlich nicht, nur schlapp fühlt man sich. Heute morgen haben wir einen Familienausflug nach Kirchheim auf den Messplatz gemacht. (Ansonsten befinden wir uns in Selbstisolation). In den nächsten 48 Stunden kommt irgendwann das Ergebnis. Das Ergebnis, das meine Oma schon hat. Seit ein paar Tagen sitzt niemand mehr im Speiseraum des Pflegeheims. Nur das Pflegepersonal steht manchmal für wenige Minuten auf dem Balkon um ein paar Minuten Luft zu schnappen.

Wir sind so nah. Es trennt uns nur eine Straße. Dennoch fühlt es sich so an, als wäre ich noch nie so weit weg von ihr gewesen. Wie gerne würde ich mit Loni einen Besuch bei Oma machen. Loni schafft es immer Oma zu verzaubern und zum Lachen zu bringen. Egal wie der Tag bisher war. Wie gerne. So hilf- und machtlos habe ich mich selten gefühlt.

Wir hoffen für uns, dass der Test positiv ausfällt. Pascals Elternzeit geht dem Ende zu und er damit zurück in den Klinikalltag. Es würde mich entlasten zu wissen, dass im Fall eines positiven Testergebnis, er mit einer gewissen Immunität Patienten gegenübertritt. Und in meinem Herz wächst eine kleine naive Hoffnung. Vielleicht könnte mir die aus einer auskurierten Infektion resultierende Immunität trotz des bestehenden Besucherverbots vielleicht Zugang zu Oma verschaffen?

Der Nachbar vom angrenzenden Grundstück streckt seinen Kopf über den Zaun. Richtig kennen tun wir ihn nicht. Man grüßt sich höflich. Pascal hat sich mal ein paar Takte auf einem Hofflohmarkt mit ihm unterhalten. Seine Frau und er, so beginnt er, hätten sich überlegt, dass wir gerne auch mal rüber kommen könnten in ihren (viiiiiiieel größeren und wirklich schönen) Garten. Wir könnten ja einfach klingeln. Sie würden sich dann während wir da sind im Haus aufhalten, da sei dann auch der Abstand gewährleistet.

Wir sind zu tiefst gerührt. Diese freundliche menschliche Geste tröstet uns irgendwie und gibt Hoffnung. Wir freuen uns. Plötzlich entsteht Kontakt und Zuwendung wo zuvor keine war. Und außerdem ist das Gras auf der anderen Seite des Zaunes in diesem Fall wirklich viel grüner.

Anni O.

Siehe auch: https://www.morgenweb.de/mannheimer-morgen_artikel,-heidelberg-zwoelf-bewohner-einer-seniorenwohnanlage-infiziert-_arid,1624596.html?fbclid=IwAR3JTkjhRMDEb4FXY9eAX7xElbEybrDC1GzfWokPTxUWUtBCW6N16xQzDCg

3 Kommentare zu „Auf der anderen Seite des Zaunes ist das Gras grüner …“

  1. Christiane K.

    Du schreibst so berührend, Anni.
    Vielleicht geht die Entwicklung wirklich dahin, dass immunisierte Menschen wieder mehr in Kontakte hineingehen können. Die Überlegungen gehen jedenfalls in die Richtung. Wir denken auch an deine Oma und beten, dass sie es gut überstehen möge. Mit lieben Grüßen, Christiane K.

  2. Liebe Anni,
    von Kerrin weiß ich um Deine Oma und die aktuelle Lage heute. Im Gebet und Gedanken bin ich bei Euch.
    Sei ganz herzlich gedrückt,
    Heike

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