Krise und Chance

Wie geht es euch in der Corona-Krise, in dieser merkwürdigen Zeit der Kontaktsperre? Ich möchte es gleich vorneweg sagen: Uns als Familie geht es gut. Alle sind gesund. Wir haben einander. Niko arbeitet im Home-Office, die Kinder spielen gemeinsam. Wir haben ein geräumiges Haus und einen großen Garten. Uns geht es wirtschaftlich gut, wir haben keine Einkommenseinbußen. Für alle diese Dinge bin ich Gott sehr dankbar.

Aber natürlich hat diese Zeit zunächst auch unseren Alltag auf den Kopf gestellt. Kaum stand die Schließung der Kitas und Schulen bis nach Ostern fest, musste uns aufgrund der Lage leider unser Au Pair Josefiina verlassen (manche von euch kennen sie als die Geigenspielerin im Lobpreis-Team oder als Joshuas Freundin). Damit stehen wir, und insbesondere ich, vor der Herausforderung unsere vier Kinder den überwiegenden Teil der Zeit selbst zu betreuen. Um unsere Kontakte weiter zu reduzieren, haben wir vorerst auch der Putzhilfe zwei Wochen frei gegeben. Könnt ihr euch ungefähr vorstellen, wie meine Tage derzeit so aussehen? Ich gehöre definitiv zu den Menschen, über die Mareike so treffend geschrieben hat: „[…] andere wiederum finden trotz der sozialen Abschottung innerhalb ihrer Kernfamilie kaum eine ruhige Minute.“

Die Corona-Krise erreichte Deutschland zu einem Zeitpunkt, den ich seit Wochen und Monaten mit Vorfreude erwartet hatte: Die Adventszeit mit vielen Terminen vorüber, die langen Weihnachtsferien gut zu Ende gebracht (Schul- und Kindergartenferien sind bekanntlich keine Ferien für Eltern kleiner Kinder), im Januar und Februar 3 von 4 Kindergeburtstagen für 2020 absolviert, viele Projekt-Termine erfolgreich bestritten, das Projekt abgeschlossen, den Abschied des Jüngsten in der Kinderkrippe gefeiert und ihn über zwei Wochen hinweg langsam im Kindergarten eingewöhnt. Dann, so hatte ich gehofft, würde ich über mehrere Wochen hinweg an den Vormittagen endlich Zeit ohne die Kinder zur Verfügung haben, um Dingen nachzugehen und einige eigene Bedürfnisse zu erfüllen, die ich seit Monaten, ja, teils seit Jahren aufgeschoben habe. Die letzten Jahre haben Kinder und Familie schlichtweg sehr viel Zeit beansprucht; einen Großteil der verbleibenden Zeit habe ich bewusst in eine freiberufliche Tätigkeit und auch in die Gemeinde investiert; für diverse eigene Wünsche und Ideen hat es dann nicht mehr gereicht.

„Wenn der Herr will, werden wir leben und dies oder das tun.“ (Jak 4,15) Ja, wir leben, aber offenbar ist es gerade nicht an der Zeit wie geplant dies und das, sondern etwas anderes zu tun.

Erst hat sich in mir alles gegen dieses Andere gesträubt. „Wer jetzt zu Hause bleiben soll, muss Langeweile bekämpfen. 55 Beschäftigungstipps für jedes Temperament“, titelte ZEIT ONLINE. Doch ich muss mich nicht selbst beschäftigen, ich werde permanent von meinen Kindern beschäftigt. „Sie haben jetzt Zeit. Wir haben die Bücher“, wirbt die Wieblinger Buchhandlung. Ich weiß bloß nicht, wo diese Zeit ist, die ich angeblich haben soll. Und ich frage mich ehrlich, wie das die Familien machen, in denen beide Eltern arbeiten (müssen). Respekt!

Inzwischen kann ich das Andere annehmen. Die Krise ist nämlich gleichzeitig eine Chance. Im Frauenhauskreis haben wir die Gewohnheit, dass sich jede für ein Jahr ein Wort auswählt, das sie durch das Jahr begleitet und zu positiven Veränderungen herausfordert. (Für Interessierte: Das ist der Hintergrund: https://www.youtube.com/watch?v=XVwK6V3aX4U ) Mein Wort für 2020 heißt wachsen. Dabei wünsche ich mir vor allem, Herausforderungen bewusst anzunehmen, Schwierigkeiten als Training zu betrachten, Dinge zu üben, die mir schwerfallen und so meine Grenzen Schritt um Schritt zu erweitern.

Ich nehme die Herausforderung an, die meiste Zeit des Tages alle unsere vier Kinder mit ihren unterschiedlichen Bedürfnissen und Temperamenten alleine zu betreuen. Und ihnen auch dann geduldig und liebevoll zu begegnen, wenn es laut und wild hergeht und ich mich am liebsten zurückziehen würde. Ich überlasse sie nicht ihren Launen, sondern gestalte mit ihnen die Zeit. Auch wenn ich viel lieber ein für mich interessantes Buch lesen würde als zum 101. Mal den Grüffelo. Ich bringe Dinge auf den Weg, die sich jetzt, da alle die ganze Zeit zu Hause sind und keiner Termine hat, viel leichter etablieren lassen:

  • Ein Plan, der die Aufgaben in der Küche von Tisch decken bis Spülmaschine ausräumen fair auf alle Familienmitglieder verteilt
  • Ein Wunschessen, reihum, für jeden Samstag
  • Eine Liturgie zur Begrüßung des Sonntags, ein „Sonntagsbegrüßungsfest“ – eine Idee, die mich schon vor Jahren bei der Lektüre von Wolfgang Vorländers „Der Heilige Geist und die Kunst zu leben“ faszinierte und die Mareike jetzt aufgegriffen hat
  • Eine feste Zeit am Tag zum Bibellesen mit den Kindern

Nichts davon ist schon fertig oder zur Gewohnheit geworden. Aber die Gelegenheit damit anzufangen, wäre unter normalen Umständen nicht so günstig.

Derweil komme ich im neuen Normalzustand der Kontaktsperre mehr und mehr an. Der Spaziergang nach dem Mittagessen mit dem Jüngsten im Buggy ist meine wertvollste Tageszeit. Ich genieße die Ruhe draußen, den Frühling und die ungestörte Zeit zum Nachdenken und Beten (denn meistens schläft der Kleine nach kurzer Zeit ein). Das gemeinsame Bibellesen morgens vor dem Frühstück führen Niko und ich fort, so wie wir es in Schulzeiten auch machen. Seit dem 22.3. gibt es (nach vielen Monaten Pause) auch wieder die Atempause mit EFG-Pastor Steffen Kahl (früher Sindelfingen, jetzt Bremen), die ich seit zwei Jahren regelmäßig anhöre und gleichermaßen herausfordernd wie ermutigend finde. Das Format hat sich etwas verändert, sie Sendungen heißen jetzt Mutmach-Botschaften. Ich finde, das ist doch das, was die meisten von uns brauchen. Vielleicht magst auch du mal reinhören, z.B. unter http://www.kreuzgemeinde.org/ ?

Ich bin gespannt von euch zu hören, was euch bewegt.

Maike

2 Kommentare zu „Krise und Chance“

  1. Mareike Klaus

    Es ist schön von Euch zu hören! Der Titel Krise und Chance trifft die Situation wirklich gut. So erleben es im Moment glaube ich viele von uns. Und dann ist es ermutigend zu lesen, dass die guten Momente genauso da sind, wie die anstrengenden und herausfordernden.

  2. Vielen Dank für deinen Bericht, Maike. Vielen Dank für die Anregungen, wie man als Familie die Zeit auch als Chance nutzen kann, einen neuen Rhythmus zu finden, auch was geistliches Leben angeht. Viel Kraft euch allen zusammen, besonders unter den Umständen, dass euer Au Pair weg ist.

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